Buchholzens

Wochen-
Schauer

Der ständig wechselnde Wochenkommentar

Nr. 498 - vom
4. März 2011




Karl Theodor
und andere Bescheißer

"Der Karl Theodor soll sich jetzt erst einmal erholen", spricht der CSU-Papi Seehofer fürsorglich. Und dann werde man weitersehen. Schon jetzt wird alles für den Rückmarsch in die Politik vorbereitet, für das Comeback des poppigen Glamour-Stars, der da heißt Karl Theodor Maria Nikolaus Johann Jacob Philipp Franz Joseph Sylvester Freiherr von und zu Googleberg (zur Zeit ohne weitere Titel). Auch die Kanzlerin will den BILD-Massen ihren Messias nicht lange vorenthalten: "Die Türen zur Politik sind ihm aus meiner Sicht nicht verschlossen." Macht hoch die Tür, die Tor macht weit... Die Wiederkehr des Heilsbringers erflehen die Gläubigen zu Hunderttausenden. Hat er doch, so verkündet die Erzengelin Angela, "die Herzen seiner Anhänger immer wieder erfreut und bewegt. Sie sind ihm zugeflogen und das mit Recht."

Und wer von uns ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein! Dieses fromme Gebot geht den Unions-Christen inzwischen in allen Talkshows sehr geschmeidig über die gespaltene Zunge. Im Superwahljahr kann man auf den Jesus-Theodor-Superstar nicht verzichten; zu groß ist die Heerschar seiner treuen Jünger. Der schwäbische Hofprediger Mappus sieht ihn denn auch in geläuterter Heiligkeit über die trüben Wasser der Verleumdung wandeln: "Er hat einen großen Fehler gemacht, aber er steht dazu, er hat die Konsequenzen gezogen und sich entschuldigt und damit Größe gezeigt." Diesen Charakter sollten all jene, die jetzt Jagd auf ihn gemacht hätten, erst einmal beweisen.

Das also ist die Botschaft der Guttenbergpredigt: Wahrlich, ich sage Euch, Charakter im Großformat kann nur der beweisen, der vorher ebenso großformatig beschissen hat.
 
+++
 
Apropos Beschiß. Davon haben wir in unserer alten und neuen Mir-Reicht's-Hauptstadt überreichlich zu bieten. Im letzten "Tip"-Magazin war es sogar das Titelthema: Wie beschissen ist Berlin? Es geht um etwa 50 Tonnen Kot, die alltäglich und allnächtlich auf der Strecke bleiben, wenn die Berliner Rentnerschaft Gassi geführt wird von ihren Waldis, Leos, Struppis und Lumpis. Der Weg dieses Freigangs ist mühelos nachzuverfolgen. Ein gesamtberliner Drama: Die Spur der Scheiße.

Längst ist die Stadt auf den Hund gekommen. Doch wehe, jemand wagt öffentlich darüber zu klagen, wie sehr die Stadt in der Scheiße steckt. Ich bekam das einst selbst zu spüren, als ich mich auf der Bühne zu diesem Thema ausließ. Wer an das Hingemachte des Berliner Fiffis geht, geht zugleich an das Eingemachte der hiesigen Volksseele. Protestmails türmten sich auf meiner Festplatte -- von wegen, daß man es gerade von mir nicht erwartet hätte, daß ich plötzlich für Berufsverbote eintrete. Denn was schließlich sei die professionelle Berufung eines Köters? Genau: Er kotet? Dies sei sein Lebenszweck. Einem Köter das Koten zu versagen, hieße zugleich, seine Existenzberechtigung zu bestreiten.

Mehr noch: Mir wurde vorgehalten, daß ich nicht nur hunde-, sondern auch volksfeindlich sei, wenn ich die angehäufte Hinterlassenschaft auf dem Hauptstadt-Pflaster nicht dulden wolle. Hätte ich doch selbst des öfteren ausgeführt, daß der Ausdruck "das Volk" wortursprünglich "das Volle" bedeute, womit gemeint war, daß da so "viele" waren, daß ein Haufen "voll" wurde. Das "Volk" war zunächst bei den Germanen eine militärische Grundeinheit: eben ein "Kriegshaufen". Ergo ist das Volk im Wortsinne nichts weiter als ein vollgemachter Haufen. Insofern sei es doch von schöner Symbolik, daß man überall in Berlin, wo man auch hintritt, garantiert in einem Haufen landet – egal ob Ost oder West, quasi an jeder Straßenecke.
 
Längst habe ich eingesehen und dies auch öffentlich kundgetan, daß ohne diesen Haufen Berlin auch als Kultur-Metropole um ein entscheidendes Stück ärmer wäre. Da  ginge viel an spontaner Aktionskunst auf unseren Straßen verloren. Man beobachte nur einmal, mit welch geradezu tänzerischer Eleganz der normale Passant seinen Alltagstrott choreographisch verändert, wenn er mit wechselnden, komplizierten Schrittfolgen um die auf dem Bürgersteig raffiniert verteilten Häufchen herumsteppt.

Wo sonst kann man noch diese burleske, improvisierte Form des Straßentheaters erleben, wenn dann doch der fast unvermeidliche Fehltritt erfolgt. Seht, wie der Akteur in furioser Temposteigerung dahinschlingert, dahinschliddert, befreit von aller körperlicher Verklemmung, rudernd mit beiden Armen, in pantomimischer Groteske den existentiellen Urkampf des Menschen mit der Schwerkraft neu kämpfend.

Einen Kampf, den er unweigerlich in chaplinesker Tragikkomik verlieren muß ebenso wie seinen Halt: Haltlos entgleitend aufs Pflaster und mithin mitten hinein... eben hinein in jenen Haufen, der da am Dampfen ist.

Welch ein erhabenes Sinnbild im scheinbar Trivialen: Denn so wird dem deutschen Menschen zugleich der völkische Gedanke wieder nahegebracht in Form des endlich wieder vollgemachten Haufens. Was uns sonst auch alles in Berlin trennen mag, der Köter ist es, der uns immer wieder haufenweise an unsere Gemeinsamkeit erinnert.
Und wer das nicht einsehen will, der kriegt es mit dem angehäuften Volkszorn der Berliner Rentnerschaft zu tun. Denn wie hing es schon Friedrich Schiller an die große Glocke:

Gefährlich ist es, Leim zu lecken.
Verderblich ist ein kesser Mund.
Jedoch der schrecklichste der Schrecken,
das ist der Rentner mit dem Hund.








Karikaur: Rainer Hachfeld


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